Berufsförderungswerk: wie der Alltag dort aussieht
Wenn im Reha-Verfahren zum ersten Mal das Wort Berufsförderungswerk fällt, klingt es nach Behörde. Tatsächlich sind es Bildungseinrichtungen, die genau auf eine Gruppe zugeschnitten sind: Erwachsene, die ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen wechseln müssen.
Diese Seite beschreibt, was dort passiert, wie der Alltag abläuft und wann der Weg über ein Berufsförderungswerk sinnvoll ist. Und wann ein anderer Weg besser passt.
Was ein Berufsförderungswerk ist
Ein Berufsförderungswerk ist eine Einrichtung der beruflichen Rehabilitation für Erwachsene. Bundesweit gibt es 28 Berufsförderungswerke an rund 100 Standorten mit etwa 12.000 Plätzen; sechs davon sind auf bestimmte Behinderungen spezialisiert. Sie sind im Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke als Arbeitsgemeinschaft nach § 36 Abs. 4 SGB IX zusammengeschlossen. Angeboten werden die Abklärung der beruflichen Eignung, Reha-Vorbereitung und vor allem zweijährige Umschulungen mit regulärem Kammerabschluss vor IHK oder Handwerkskammer. Dazu gehört üblicherweise ein mehrmonatiges Betriebspraktikum. Die Kosten trägt der Reha-Träger, meist die Deutsche Rentenversicherung, bei Arbeitsunfall die Unfallversicherung. Für Teilnehmende entstehen keine Gebühren, während der Maßnahme wird Übergangsgeld gezahlt. Anmeldung und Kostenzusage laufen über den Träger, nicht über die Einrichtung.
Was dort angeboten wird
Ein Berufsförderungswerk ist keine reine Schule. Das Angebot ist gestuft, und die meisten durchlaufen mehrere Stufen.
Abklärung der beruflichen Eignung. Tests, Gespräche und praktische Erprobung, um herauszufinden, welches Berufsfeld gesundheitlich und fachlich passt. Je nach Umfang dauert das wenige Tage bis mehrere Wochen. Wer noch keine Richtung hat, beginnt hier.
Reha-Vorbereitung. Meist drei Monate, in denen Deutsch, Mathematik und Lerntechniken aufgefrischt werden. Für viele der wichtigste Teil, weil die letzte Schulzeit Jahrzehnte zurückliegt.
Die Umschulung. In der Regel zwei Jahre mit regulärem Kammerabschluss. Der Stoff entspricht einer dreijährigen Ausbildung, verdichtet auf vier Semester. Welche Angebote es gibt, unterscheidet sich je Standort: kaufmännische Berufe und IT sind fast überall vertreten, technische Fachrichtungen wie technisches Produktdesign oder Bauzeichnen nur an einem Teil der Standorte. Wer eine bestimmte Fachkraft-Qualifikation anstrebt, sollte das Angebot vor der Standortwahl prüfen.
Das Praktikum. Üblicherweise drei bis fünf Monate in einem Betrieb, oft in Wohnortnähe. Das ist der Teil, aus dem später Arbeitsverhältnisse entstehen.
Daneben gibt es kürzere Formate: Teilqualifizierungen ohne Kammerabschluss und, an vielen Standorten, Umschulungen in Teilpräsenz für Menschen mit Betreuungspflichten.
Wie der Alltag abläuft
Der Alltag ähnelt einer Vollzeitschule mit festen Zeiten. Was ihn von einer normalen Berufsschule unterscheidet, ist die Begleitung im Haus.
Medizinischer Dienst und Psychologie. Ärztlicher Dienst, Physiotherapie und psychologische Beratung gehören zur Einrichtung. Wer während der Umschulung gesundheitliche Probleme bekommt, muss sich die Hilfe nicht extern suchen.
Angepasste Arbeitsplätze. Höhenverstellbare Tische, ergonomische Stühle und technische Hilfsmittel sind Standard, nicht Ausnahme. Das klingt banal, entscheidet aber bei Rückenerkrankungen über die Durchhaltefähigkeit.
Unterbringung. Liegt die Einrichtung nicht in Wohnortnähe, gibt es Wohnheime auf dem Gelände. Viele fahren freitags nach Hause und sonntags zurück. Die Kosten übernimmt der Träger, die Trennung von der Familie bleibt trotzdem eine Belastung.
Gleichaltrige mit derselben Geschichte. Der Unterschied zur betrieblichen Umschulung: Alle im Raum sind aus gesundheitlichen Gründen dort. Niemand muss erklären, warum er mit 45 noch einmal die Schulbank drückt.
Welche Einrichtung, und wie du sie findest
Die 28 Einrichtungen unterscheiden sich im Ausbildungsangebot deutlich. Nicht jedes Berufsförderungswerk bildet in jedem Beruf aus, und die Schwerpunkte sind regional verteilt.
Spezialisierte Einrichtungen. Sechs der 28 sind auf bestimmte Behinderungen ausgerichtet, darunter zwei für querschnittgelähmte und drei für blinde Menschen. Wer eine entsprechende Einschränkung hat, sollte gezielt danach fragen.
Drei Fragen an die Einrichtung. Erstens: Wird der Zielberuf überhaupt angeboten, und wann startet der nächste Lehrgang? Die Kurse beginnen zu festen Terminen, Wartezeiten von mehreren Monaten sind normal. Zweitens: Wie werden Praktikumsplätze vermittelt, und gibt es Kontakte in meine Region? Drittens: Wie hoch ist die Vermittlungsquote nach dem Abschluss, und wie wird sie erhoben?
Informationsveranstaltungen und Schnuppertage sind üblich und meist ohne Anmeldung über den Träger möglich. Sie geben mehr Aufschluss als jede Broschüre, gerade zur Atmosphäre und zur Zusammensetzung der Lerngruppen. Für den Niederrhein und das westliche Ruhrgebiet ist das Berufsförderungswerk Oberhausen die nächstgelegene Einrichtung.
Berufsförderungswerk oder Betrieb
Ich war im Berufsförderungswerk Oberhausen, allerdings nur für die dreimonatige Reha-Vorbereitung. Danach bin ich in den Betrieb gewechselt und habe die zwei Jahre Umschulung in einem Logistikkonzern gemacht, ebenfalls von der Rentenversicherung finanziert.
Den Unterschied machte in dieser Zeit weder die Ausstattung noch der Lehrplan. Es war eine Person. Meine Ansprechpartnerin dort hat sich gekümmert, und zwar über das Übliche hinaus: Sie hat nachgefasst, wenn beim Träger etwas liegen blieb, und sie hat mitgedacht, als klar wurde, dass ich den betrieblichen Weg wollte. Wer die Wahl zwischen mehreren Einrichtungen hat, sollte deshalb weniger auf Broschüren achten und mehr darauf, wer die Betreuung übernimmt. Das lässt sich beim Informationstag herausfinden.
Die schulische Variante wäre genauso möglich gewesen: zwei Jahre komplett im Berufsförderungswerk mit Praktikum. Ich wollte direkt in den Betrieb, und das war für meine Situation richtig. Der Praxisbezug kam früher, und ich bin am Ende dort geblieben, wo ich gelernt habe. Wer dagegen noch unsicher ist, welcher Beruf überhaupt passt, fährt mit der schulischen Variante besser. Die Entscheidung fällt vor dem Start und lässt sich später nur schwer ändern.
Beide Wege führen zum gleichen Kammerabschluss, sie passen aber zu unterschiedlichen Situationen. Wie der betriebliche Weg rechtlich geregelt ist und welche zwei Geldmodelle dabei durcheinandergehen, steht in meinem Erfahrungsbericht über die Umschulung im Unternehmen.
Für ein Berufsförderungswerk spricht: Die Richtung ist noch offen und muss erst abgeklärt werden. Die gesundheitliche Lage ist instabil und braucht Begleitung. Die letzte Schulzeit liegt weit zurück. Oder es gibt keinen Betrieb, der einen Umschulungsplatz anbietet.
Für den betrieblichen Weg spricht: Es gibt bereits einen Betrieb, der mitmacht. Der Zielberuf steht fest. Die Familie lässt eine wöchentliche Trennung nicht zu. Oder die Aussicht auf Übernahme ist konkret.
Ein Wunsch- und Wahlrecht besteht nach § 8 SGB IX. Es wird gegen Eignung und Wirtschaftlichkeit abgewogen, deshalb gehört die Begründung früh ins Verfahren und nicht erst nach dem Bescheid.
Häufige Fragen zum Berufsförderungswerk
Was ist ein Berufsförderungswerk?
Eine Einrichtung der beruflichen Rehabilitation für Erwachsene. Bundesweit gibt es 28 Berufsförderungswerke an rund 100 Standorten mit etwa 12.000 Plätzen. Sie bieten Eignungsabklärung, Vorbereitung und zweijährige Umschulungen mit Kammerabschluss.
Wie komme ich in ein Berufsförderungswerk?
Über deinen Reha-Träger. Du stellst einen Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben, und nach der Bewilligung meldet der Träger dich bei der Einrichtung an. Eine direkte Anmeldung ist nicht vorgesehen.
Was kostet eine Umschulung im Berufsförderungswerk?
Für dich nichts. Lehrgangs- und Prüfungsgebühren, Lernmittel, Fahrten und bei Bedarf Unterbringung trägt der Reha-Träger. Für den Lebensunterhalt wird Übergangsgeld gezahlt.
Muss ich dort wohnen?
Nur wenn die Einrichtung zu weit entfernt ist. Dann stehen Wohnheime auf dem Gelände zur Verfügung, die Kosten übernimmt der Träger. Viele fahren am Wochenende nach Hause.
Ist der Abschluss gleichwertig?
Ja. Die Prüfung wird vor derselben Kammer abgelegt wie bei einer regulären Ausbildung. Aus dem Zeugnis geht nicht hervor, dass es eine Reha-Umschulung war.

Geschrieben von Matthias Skaletz
2017 hat ein Bandscheibenvorfall meinen Beruf in der Stahlindustrie beendet, nach 15 Jahren, zwölf davon direkt an der Anlage. Danach kamen drei Monate Reha-Vorbereitung im Berufsförderungswerk Oberhausen und eine von der Rentenversicherung finanzierte Umschulung zum Informatikkaufmann, die ich betrieblich gemacht habe. Heute arbeite ich im Projektmanagement. Was mir damals gefehlt hat, schreibe ich hier auf. Mehr über mich.
Stand 2026, keine Beratung im rechtlichen Sinn. Welche Einrichtung im Einzelfall infrage kommt, entscheidet dein Träger. Kostenlose Reha-Beratung der Deutschen Rentenversicherung: 0800 1000 4800.